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COVID-19 hat die Anforderungen von Intensive Care vor neue, noch nie dagewesene Herausforderungen gestellt. Die Tätigkeit auf einer Intensivstation wurde durch die Pandemie weiter erschwert und stellt für Patient*innen, Ärzt*innen und Pfleger*innen eine Herausforderung dar. Die meisten Patient*innen, die mit einer COVID-19-Erkrankung auf eine Intensivstation kommen, haben Atemprobleme und müssen invasiv beatmet, also intubiert werden, um die Sauerstoffversorgung im Körper wiederherzustellen.

Dr. Reinhard Kitzberger ist Internist und Intensivmediziner, berichtet von seiner täglichen Arbeit als Facharzt auf der COVID-19-Intensivstation in der Klinik Favoriten und gibt einen Einblick über die Situation aus erster Hand. Bevor er nach Wien kam, war er in Hamburg in einer der größten Universitätskliniken Europas mit 150 Intensivbetten tätig und hat seit Beginn der Pandemie fast 300 Intensivpatient*innen und 2000 Normalstationspatient*innen mit schweren COVID-19-Verläufen betreut.

Wie erkennt man Lungenversagen aufgrund von COVID-19?

Lungenversagen aufgrund von anderen Erkrankungen ist dadurch gekennzeichnet, dass die Patient*innen eine sehr schlechte Lungencompliance haben. Das bedeutet, dass sich die Lunge nicht mehr gut dehnen kann und damit das Lungenvolumen und der Druck beeinträchtigt sind. Bei Patient*innen mit COVID-19 ist die Lungencompliance eher normal, trotzdem kommt es bei ihnen zu einer schweren Oxygenierungsstörung, also zu einer Störung der Sauerstoffsättigung im Körper.

Trotz objektiv messbarer Oxygenierungsstörung verspüren diese Patient*innen subjektiv keine Atemnot, sondern sind im Gegenteil in guter Stimmung und manchmal sogar euphorisch. Dieses paradoxe Krankheitsbild hat vor allem am Beginn der Pandemie zu einer erhöhten Sterblichkeit geführt, da der Sauerstoffmangel (Hypoxie) nicht adäquat erkannt wurde. Mittlerweile sprechen Ärzt*innen von „Happy Hypoxia“ oder auch „Silent Hypoxia“, einer stillen Hypoxie.

Dr. Reinhard Kitzberger Internist und Intensivmediziner

Wie kommt es zu einer „Silent Hypoxia“?

„Nachdem ein sehr weit verbreitetes Symptom von COVID-19 der Verlust von Geruchs- und Geschmacksinn ist, scheint durch das SARS-CoV-2-Virus auch das zentrale Nervensystem betroffen zu sein. Daher ist die Vermutung, dass aufgrund dieser Interaktionen im Hirnstamm die Patient*innen den Sauerstoffmangel nicht spüren.“

Welche anderen Faktoren spielen im Rahmen der intensivmedizinischen Betreuung bei COVID-19 eine Rolle?

Ein wesentlicher Faktor war vor allem bei älteren Personen zu Beginn der Pandemie eine mangelhafte Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, da eine COVID-19-Erkrankung auch mit Appetitverlust einher geht. Diese Patient*innen waren häufig schon exsikkiert, also ausgetrocknet. Das beeinträchtigt den gesamten Körper und führt zu einer allgemeinen Schwäche. Bei jüngeren Patient*innen, die oft auch Vorerkrankungen haben, stehen aktuell Atemprobleme im Vordergrund, die sehr schnell so schwerwiegend werden, dass sie gleich auf der Intensivstation versorgt werden müssen und nicht mehr auf einer Normalstation aufgenommen werden können.

Aktuell sind Personen zwischen 40 und 65 Jahre stärker von COVID-19 betroffen, da die älteren Generationen großteils bereits eine Impfung erhalten haben. Sie verfügen über mehr körperliche Reserven und kommen häufig erst ins Krankenhaus, wenn diese aufgebraucht sind. Gerade bei COVID-19 sollte die stationäre Aufnahme im Krankenhaus allerdings früher erfolgen, um eine Stabilisierung auf der Normalstation zu erreichen und damit eine intensivmedizinische Behandlung zu vermeiden.

Woran merken Patient*innen, dass sie ins Krankenhaus sollten?

Am einfachsten ist die Messung der Atemfrequenz oder die Pulsoxymetrie, das Messen der Sauerstoffsättigung. Das sind wichtige Parameter, die zeigen, ob die Lunge schon betroffen bzw. beeinträchtigt ist, bevor es zu subjektiver Atemnot kommt. Es gibt zu den empfohlenen Werten noch keine wissenschaftlichen Daten, aber aus Erfahrung sagen die meisten Intensivmediziner*innen: „Je jünger die Patient*innen sind, desto höher sollte die Sauerstoffsättigung sein.“

Wie stehen die Chancen, nach einer COVID-19-Erkrankung die Intensivstation wieder zu verlassen?

Ein Hauptfaktor ist das Alter. Unter 65-Jährige haben eine 85%-ige Überlebenswahrscheinlichkeit. Ab 65 Jahren verdoppelt sich allerdings das Sterberisiko, darum sind die Impf- und Pandemiestrategien besonders nach dieser Risikogruppe ausgerichtet. Frauen haben bei COVID-19 generell bessere Überlebenschancen als Männer.

Die Überlebensrate der Patient*innen korreliert auch eindeutig mit der Auslastung der Intensivstationen. Je mehr Patient*innen behandelt werden, desto höher ist die Sterblichkeit bei COVID-19-Patient*innen.

In Österreich gibt es in öffentlichen Krankenhäusern 2.450 Intensivbetten.

2019, vor der Pandemie, betrug der durchschnittliche Aufenthalt auf einer Intensivstation 3,8 Tage.

Patient*innen mit COVID-19 müssen meistens 20 Tage invasiv beatmet werden.

Isolationspflichtige Patient*innen werden auf COVID-19 - Intensivstationen versorgt. Ist das Virus nicht mehr nachweisbar, können sie auf Non-COVID-19-Stationen verlegt und dort intensivmedizinisch weiterbetreut werden. 

Quellen:

https://www.europeansepsisalliance.org/about

https://www.anaesthesie.news/allgemein/anaesthesie-und-intensivmedizin-heute-und-in-zukunft/

http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/gesundheitsversorgung/einrichtungen_im_gesundheitswesen/index.html

https://www.amomed.com/product/empressin-3/

https://t3-web.meduniwien.ac.at/forschung/forschung-zu-covid-19/

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